Rückblick 4. Europäische Fachkonferenz „Tatort-Kunstort-Graffiti“ und 2. Erfurter Graffitiforum

innotec21-anti-graffiti1

Am 29. und 30. September 2016 trafen sich Fachleute aus den unterschiedlichsten Bereichen im Atrium der Erfurter Stadtwerke zum fachlichen Austausch zum Thema Graffiti. Ein Fokus der Veranstaltung lag auf neuen Technologien und Produkten zur Graffiti-Prävention und Graffiti-Entfernung.

Hierbei gab es verschiedene Neuvorstellungen und Highlights wie beispielsweise eine neuartige Anti-Graffiti Folie aus Springe, auf der keine Aufkleber haften und die obendrein für Verkehrsschilder und Touch-Screens zugelassen ist. Mit ihr kompatibel sind die erstmals der Öffentlichkeit vorgestellten, neuartigen Anti-Graffiti Tücher aus Leipzig, die frei von Gefahrstoffen auch empfindlichste Oberflächen reinigen ohne Schaden zu erzeugen. „Üblicherweise soll der Geruch des Reinigungsmittels zeigen, dass die Reinigungsfachkraft da war.Bei Nagellacken Graffiti-Entfernern ist es besser, man muss es nicht riechen“ so der Inhaber eines etablierten Gebäudereinigungsunternehmens aus Hitzhusen. Auch hier konnte das Leipziger Produkt überzeugen, denn anstelle eines irritierenden Geruchs wird es selbst in geschlossenen Räumen oder Fahrzeugen nicht als störend empfunden.

Ein weiteres Highlight für die Graffitientfernung bestand in einer mobilen Reinigungsmaschine zur berührungslosen Graffitientfernung in einem geschlossenen Kreislauf. Ziel des Westerstede Unternehmens ist es die Technik zur Entlastung der Waschplätze bei gleicher Flächenleistung auch in unwegsamem Gelände einsetzen zu können. Erste Reinigungen waren überzeugend. Mehr Nachhaltigkeit und Umweltschutz geht nicht. Unter der Schirmherrschaft von Marion Walsmann (Landtagsabgeordnete), Dr. Rainer Surkow (Forschungsnetzwerk Anti-Graffiti) und Martin Steinigeweg (InteressenVerband Anti-Graffiti e.V.) wurden auch dieses Jahr die unterschiedlichsten Facetten rund um das Thema Graffiti referiert und diskutiert. Neben namhaften Vertretern des Schienenverkehrs wie der Länderbahn und dem Verkehrsverbund Rhein-Ruhr kamen auch verschiedene Vorträge von Vertretern städtischer Betriebe (Dortmund, Bielefeld, Erfurt und Zürich) mit durchaus sehr unterschiedlichen und vielschichtigen Ansätzen zur Graffiti-Prävention. Die Spanne reicht von Null-Toleranz-Konzepten bis hin zu sehr engagierten Projekten zur gemeinsamen Gestaltung von freigegebenen Flächen. In diesem Zusammenhang wurde das Publikum von dem Bericht eines engagierten jungen Mannes gefesselt, der als Graffiti-Sprayer begann und inzwischen als legaler Künstler einigen Ruf genießt und inzwischen gleich mehrere Projekte zur Gestaltung freigegebener Flächen gemeinsam mit Jugendlichen aus den jeweiligen Wohngebieten begleitet hat. Die immer währende Diskussion zum Thema Kunst oder Schmiererei wurde dieses Jahr von einem Dozenten der Hochschule für Kunstmusik aus Sicht eines außenstehenden Künstlers und Kunstliebhabers unterhaltsam und eloquent auseinandergesetzt. Als Resumee und persönliche Meinung schloss sich der Dozent vollumfänglich dem bekannten Zorneswort des Cicero „Quo usque Tandem abutere, Catilina, patientia nostra?“ (Wie lange noch, Catilina, wirst du unsere Geduld missbrauchen?) an.

Ein bleibender Eindruck entstand bei den Ausführungen einer Architektin für Stadtplanung über die Zusammenhänge zwischen Verunstaltung und Sozialverhalten. Nach kurzer Einführung in die „broken windows“- Theorie kamen sehr aufrüttelnde Beispiele zu Parallelstudien von sozialem Verhalten in denen einzig die Sauberkeit der Umgebung variierte. So zeigten bereits zwei Drittel der beobachteten Passanten in einem Straßenbild mit Graffiti keine Hemmungen Ihren Müll ebenfalls zu hinterlassen wohingegen weniger als ein Drittel im sauberen Straßenbild dazu neigte. Damit bekommt die Sichtweise auch eine zusätzliche Dimension: Graffiti steht nicht am Ende eines Prozesses von Vandalismus und Verwahrlosung sondern mitunter an dessen Anfang.Von Ausstellern und Teilnehmern wurde die Veranstaltung sehr positiv bewertet, da wieder für jeden etwas dabei war. Besonders hervorzuheben waren die Angebote zur Unterstützung beim nächsten Kongress und Fachforum mit konkreten Ortsangaben, sodass die Veranstaltungsreihe sehr wahrscheinlich fortgesetzt wird.